Videokonferenzen ersetzen keinen Unterricht   

von Martin J. Hauk


Nicht nur das digitale Lernen in der Schule, sondern auch die Möglichkeiten für bessere Lernszenarien zu Hause standen plötzlich im Mittelpunkt des Interesses, als im März 2020 das Coronavirus Schüler und Lehrkräfte quasi von einem Tag auf den anderen aus den Schulen verbannte. Auf einmal spielten Lernplattformen wie Mebis in Bayern, von Lehrkräften erstellte Lernvideos, der Austausch von Schülern per E-Mail und nicht zuletzt die Angebote der Medienzentren eine zentrale Rolle.


Versorgung der SchülerInnen mit Lernmaterial

An allen Schulen von der Grundschule bis zum Gymnasium wurde fieberhaft daran gearbeitet, die Schülerinnen und Schüler umgehend mit Lernmaterial zusätzlich zu Büchern und Hefteinträgen zu versorgen. 

Innerhalb kurzer Zeit ging es nun darum, die zum Teil nicht vorliegenden E-Mail-Adressen aller Erziehungsberechtigten bzw. der älteren Schülerinnen und Schüler zu vervollständigen. So konnten die Lehrkräfte den Schülern zunächst Wochenpläne, Arbeitsaufträge und Arbeitsblätter auf elektronischem Weg schicken. Zusätzlich zur Lernplattform und der Mediathek in Mebis (www.mebis.bayern.de) wurde eine Vielzahl anderer Wege beschritten, um den Unterrichtsbetrieb aufrecht zu erhalten. Manche Lehrkräfte wurden mit Administratoren-Rechten für das Eltern-Portal ausgestattet und damit die Möglichkeit eröffnet, über den Versand von Elternbriefen mit Datei-Anhang Materialien und Aufgaben zu versenden. Gleichzeitig wurden sämtliche Kanäle des Eltern-Portals geöffnet, damit Erziehungsberechtigte beziehungsweise deren Kinder mit den Lehrerinnen und Lehrern kommunizieren konnten. Einige Lehrkräfte arbeiteten ausschließlich über E-Mail. Auch schuleigene Schüler-Portale als Add-On des Eltern-Portals wurden zusätzlich freigeschaltet. Eine Rektorin an einer Grundschule versammelte ihre Klasse zu Hause vor den Bildschirmen zu einer Videokonferenz-Unterrichtsstunde. Der Autor erstellte als Lehrkraft an einer Mittelschule unter anderem für YouTube Mikro-Lerneinheiten für das Vokabeltraining in Englisch. Mit dem Programm Final Cut Pro wurden 15 bis 30 Englisch-Vokabeln für die fünfte Jahrgangsstufe in 26 Sequenzen bis zu 2 1/2 Minuten aufgenommen, untertitelt und mit Green-Screen-Technik motivierende eigene Fotos aus London eingeblendet. Vorteil solcher Mikrosequenzen sind die freie Verfügbarkeit sogar von jedem Smartphone aus, ihre motivierende Kürze sowie die Möglichkeit der späteren Einbindung in einen Mebis-Kurs. Dieser Mebis-Kurs zum Lernen sämtlicher Vokabeln in der 5. Jahrgangsstufe der Mittelschule, der nach den Videoaufnahmen entstand, wird inzwischen kontinuierlich erweitert. So wurden zusätzlich zu den Videosequenzen jeweils interaktive Übungen hinzugefügt. Diese ermöglichen in ganz besonderer Weise eine Lerndifferenzierung und auch ein motivierendes, abwechslungsreiches Lernen. Die Schüler, die zum Lernen länger brauchen, können die Übungen zu Hause so lange durchlaufen, bis die Englischvokabeln beherrscht werden. Für die Lehrkraft bedeutet die Erstellung eines kompletten Mebis-Kurses zunächst einen relativ hohen Zeitaufwand. Dafür kann der Kurs aber nach Fertigstellung weitergegeben, getauscht und für die Fünftklässler der kommenden Jahrgänge weiter genutzt werden. Motivierend für den Autor als Lehrkraft waren außer des Feedbacks der SchülerInnen auch eine Vielzahl positiver Rückmeldungen der Eltern per E-Mail: „Vielen Dank für die Zusendung der Benutzerdaten, wir konnten uns einloggen. Sie haben sich so viel Mühe mit den Videos gegeben. Wir sind wirklich beeindruckt. Vielen Dank dafür! Bleiben Sie gesund!“


Unterstützung durch die Medienzentren

Welche Rolle spielten unterdessen die Medienzentren in der Unterstützung der Schulen?

Speziell für Grund- Mittel- und Förderschulen, die das Angebot von Mebis bisher noch nicht so genutzt hatten,  wurde das Angebot der Medienzentren ausgeweitet. Das betraf zunächst nur die Medienzentren mit dem Verleihsystem BMoD (Bildungsmedien on Demand). Dieses ist vorwiegend im südbayerischen Raum, aber auch in Nordbayern zum Beispiel mit dem Kreismedienzentrum Tirschenreuth vertreten.

Bis dahin waren beim Streamen von Medien aus dem Online-Katalog die Links zu den Filmen oder interaktiven Arbeitsheften nur sehr kurze Zeit aktiv und konnten deshalb nicht aktiv kopiert und in Arbeitsblätter übertragen werden. Das wurde in Anbetracht der Situation geändert. Ab sofort waren und sind weiterhin die von Lehrkräften nach dem Login ausgesuchten „Filmlinks“ jeweils für 5 Tage gültig und aufrufbar. Damit können die Lehrerinnen und Lehrer den gewünschten Film im Katalog auswählen, mit dem Projektorsymbol die Startseite des Mediums aufrufen, den Link im Adressfenster des Browsers kopieren und z. B. in ein Arbeitsblatt einfügen oder per Mail an die Schüler schicken. Das macht schon für didaktische DVDs mit entsprechenden Arbeitsaufträgen oder Arbeitsblättern im Word- oder PDF-Format Sinn. Spätestens jetzt war die Zeit reif für interaktive Arbeitshefte, beispielsweise von MedienLB, mit denen die Schülerinnen und Schüler selbstständig und audiovisuell unterstützt zu Hause arbeiten können. Dabei erhalten die Lernenden auch jeweils umgehend eine Rückmeldung über ihre Lernergebnisse. Natürlich können die Schüler von Lehrer per Mail Arbeitsblätter erhalten, diese ausfüllen und dann korrigiert zurückbekommen. Dieser Weg erweist sich in der Praxis aber als umständlich und für beide Seiten unökonomisch und arbeitsintensiv. Und so investierte der Autor als Leiter des Kreismedienzentrums Tirschenreuth umgehend fast den gesamten Medienetats des Jahres, um hier Hilfestellung zu leisten. Der Schwerpunkt lag aus Kostengründen zunächst auf 17 interaktiven Arbeitsheften für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch für die Grundschule und die Sekundarstufe 1 aller Schularten. Unterdessen stellte sich heraus, dass die Schülerinnen und Schüler auch über die Mebis-Mediathek mit ihrem Login Zugriff auf die vom jeweiligen Medienzentrum angeschafften digitalen Arbeitshefte haben. Allerdings werden hier die Lehrkräfte zu gegebener Zeit entsprechende Hilfestellungen leisten müssen, um den Lernenden den Umgang mit den digitalen Medien zu erleichtern. Auf alle Fälle wurde mit der Anschaffung digitaler Arbeitshefte  für den Landkreis Tirschenreuth nachhaltig in die Zukunft investiert.


Digitale Arbeitshefte für selbstgesteuerte Lernen zu Hause

Wie sehen solche digitalen Arbeitshefte in der Praxis aus?  In dem Arbeitsheft Deutsch 6, Vol. 1 - Berichten, Beschreiben, Erzählen, Grammatik von MedienLB  finden sich 50 interaktive und didaktisch aufbereitete Aufgaben. Mit kurzen Filmen und abwechslungsreichen interaktiven Aufgaben wird das Wissen zu den Themen Berichten, Erzählen, Beschreiben, Satzbau, Wortarten online vertieft und geübt. Die Aufgabentypen sind sämtlich selbstlösend, es erfolgt stets eine Rückmeldung. Durch die ansprechende Gestaltung und das unmittelbare Feedback wird die Lernmotivation gefördert und damit den Lernerfolg gesteigert. Lehrerinnen und Lehrer können direkt aus einem Fundus an innovativen Aufgabentypen schöpfen und den Unterricht digital bereichern.

In der Reihe „Mathematik 8, Vol. 1 - Terme und Geometrische Formen“ von MedienLB werden Terme mit Klammern, Terme mit Zahlen, das Aufstellen von Termen mit Zahlen, das Setzen von Klammern, das Verbinden passender Terme, sowie Terme mit Variablen anhand interaktiver Aufgaben geübt. Hier geht es desweiteren um das sechsseitige Prisma mit Berechnung der Oberfläche, des Mantels und des Volumens, Aufgaben zur Grundfläche, der Gesamtkantenlänge sowie des Umfangs der Grundfläche. In ähnlicher Weise werden sehr ausführlich der kreisförmige Kegel, das symmetrische Trapez, der Kosinussatz, und das rechtwinklige Dreieck behandelt. Werden alle Aufgaben von den Schülerinnen und Schülern selbstständig und vollständig gelöst, sollten diese die Aufgaben verstanden haben und anwenden können. Bei Fragen steht ja auch weiterhin die Lehrkraft für Mathematik zur Verfügung, die per Mail, telefonisch, in einer Videokonferenz oder im wieder stattfindenden Unterricht in der Schule befragt werden kann.

Auch für die Grundschule gibt es nun seit einigen Wochen das Angebot der digitalen Arbeitshefte von MedienLB von der ersten Klasse an. Neben Heimat- und Sachkunde und Kunst stehen vielfältige Übungen und Aufgaben für Mathematik und Deutsch von der ersten bis einschließlich vierten Jahrgangsstufe zur Verfügung. 


Wie kommen die SchülerInnen an die digitalen Arbeitshefte?

Voraussetzung auf Schülerseite ist ein Tablet, Notebook oder PC mit einer aktiven Internetverbindung. Für die Lehrkräfte bedeutet es insofern eine Erleichterung, dass nicht aufwändig auf der Mebis-Lernplattform ein Kurs für die Schüler erstellt werden muss. Es reicht, wenn sie sich bei Mebis einloggen und über die Mediathek z. B. mit dem Suchbegriff „Mathematik Grundschule“ das interaktive Arbeitsheft finden und die Aufgaben entsprechend bearbeiten. Alternativ kann wie schon erwähnt die Lehrerin oder der Lehrer den entsprechenden Link über den Online-Katalog des jeweiligen Medienzentrums erzeugen und direkt per Mail oder eingebettet in ein Arbeitsblatt an die Schülerin oder den Schüler verwenden. 


Aufgabentypen der interaktiven Arbeitshefte

Es gibt inzwischen 43 unterschiedliche interaktive Aufgabentypen, die auf H5P beruhen. H5P ist eine freie und quelloffene Software zum Erstellen von interaktiven Lerninhalten für das Web. Zu bereits verfügbaren Inhaltsformen zählen beispielsweise Videos oder Präsentationen mit eingebetteten Quiz-Aufgaben verschiedenster Art, Zeitstrahlen oder Memory-Spiele. Mit Course Presentation entsteht zum Beispiel eine Folienpräsentation für das Lernmaterial. Elemente wie Keywords, Links, Bilder, Audio- und Videoclips sowie diverse Quiz-Typen lassen sich in die Präsentation einbinden. Die Möglichkeiten sind inzwischen sehr vielfältig und ermöglichen sehr abwechslungsreiche Lernszenarien.


SchülerInnen benötigen digitale Endgeräte

Die Forderung, dass alle SchülerInnen der Sekundarstufen  in absehbarer Zeit mit einem vernünftigen digitalen Endgerät ausgestattet sein müssen, liegt in Anbetracht der vorliegenden Situation auf der Hand. Verschiedene Länder weltweit sind hier Vorreiter. In Deutschland hat die Internet-Enquetekommission des Bundestags schon im Januar 2012 gefordert, alle Schüler mit einem solchen Gerät auszustatten. Da wird es keine große Rolle spielen, ob man ein kleines Notebook oder ein Tablet favorisiert. Positive Folgen sind absehbar: Mit zahlreichen Schulbüchern überladene Schulranzen wird es künftig kaum mehr geben. Ein digitales Endgerät, das die notwendigen Lernmaterialien und Bildungsmedien gespeichert oder online bereithält, wiegt 1 bis 1,5 Kilogramm. Der deutlich kleinere Ranzen wird neben Heften und Mappen, übrigen Lernmitteln nur noch das Pausenbrot enthalten. Und der Sachaufwandsträger dürfte es begrüßen, wenn die heute meist zwei Klassenräume bindenden Computerräume in Zukunft weitgehend überflüssig werden.


Fazit

Lernen im schulischen Kontext findet schon immer nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause statt. In der jetzigen Phase der Schulschließungen während der Corona-Krise wurden alle Möglichkeiten auf den Prüfstand gestellt, um die SchülerInnen beim Arbeiten zu Hause zu unterstützen. Die Wochenplanarbeit zu Hause per E-Mail ermöglicht dabei nur eine zeitverzögerte und aufwändige Rückmeldung durch die Lehrkraft. Kleine Lernbausteine auf YouTube sind dagegen ergänzend hilfreich genauso wie gelegentliche Videokonferenzen zum Austausch. Sorgfältig ausgewählte Bausteine aus interaktiven Arbeitsheften, die ökonomischerweise von den Medienzentren anzuschaffen sind, ergänzen den Unterricht in der Schule in optimaler Weise und ebnen den Weg für das digitale Lernen in der Schule der Zukunft. Lassen wir uns dabei nicht allzu viel Zeit!