Warum traditionelles  digitales Lernen nicht funktionieren kann    von Martin J. Hauk


Es gibt im Moment keine eindeutigen wissenschaftlich gesicherten Aussagen darüber, was digitales Lernen ist und ob es überhaupt funktioniert. Die Google-Suche teilt uns gleichzeitig mit, dass digitales Lernen tot ist, sagt aber auf der anderen Seite dem digitalen Lernen eine glänzende Zukunft voraus. E-Learning oder Nicht-E-Learning, das ist die Frage!

Wenn man so etwas wie Online-Training als E-Learning ansieht, dann ist sowohl beim Online-Training als auch beim E-Learning  jeweils das Ziel, dauerhafte Verhaltensänderungen zu erreichen.

Das funktioniert beim herkömmlichen E-Learning aber nur ansatzweise. Dieser Meinung sind auch viele Arbeitgeber, von denen nur 15% dem E-Learning einen der nachhaltigsten Lerneffekte zutrauen. Es muss sich also etwas ändern!

Aber was ist bisher schief gelaufen, was funktioniert nicht und was muss sich beim E-Learning verbessern?

Langatmig und langweilig: Der Bildschirm des Laptop ist angeschaltet, aber es ist niemand zu Hause. Das herkömmliche E-Learning ist ganz oft einfach die pure Langeweile und erzeugt Zombie-Lerner mit toten Augen, die sich hirnlos durch endlose Inhalte klicken. Unendlich aneinandergereihte Wörter und Sätze, aufgelockert mit bunten Bildchen in schlaffördernder Abfolge animieren im wahrsten Sinne des Wortes zum Abschalten. Gelangweilte Lerner sind unbeteiligte Lerner, und das kann nicht Ziel und Zweck des E-Learning sein.

Verallgemeinernd und bedeutungslos: Langweiliges Training ist entsetzlich genug. Das wird noch dadurch übertroffen, dass herkömmliches E-Learning verallgemeinernd und bedeutungslos ist. Wie die langweiligen Schuluniformen die in manchen Ländern jeder tragen muss - die landen auch zuerst ganz unten im Kleiderschrank, sobald man sie gegen die Lieblingsklamotten austauschen kann. Jeder möchte etwas, das maßgeschneidert ist auf die eigenen Bedürfnisse, Vorlieben und den eigenen Geschmack. Warum sollte es beim Lernen anders sein?

Einsam und isolierend: Eine Lernplattform kann in ihrer traditionellen Form ein einsamer und isolierender Ort sein. Das ist so, weil sie auf Einzelstudium abzielt und kaum Gelegenheiten für soziale Interaktion zwischen den Lernenden bietet. Wenn wir unsere Entdeckungen nicht teilen können, keine Fragen zu stellen in der Lage sind und unsere Erfolge nicht gemeinsam feiern können, dann verlieren wir das Interesse. Ihre mühsam eingerichtete Lernplattform wird hohe Ausfallraten aufweisen, wenn sie nicht sozial ist. Das belegen Forschungsergebnisse die zeigen, dass das Gefühl der Isolation in einem Onlinekurs  zum Abschalten der Lernenden und damit höheren Abbruchraten führt.

Nicht reaktiv und unflexibel:  Wir leben in einer superschnellen, super vernetzten Welt, in der die Dinge sich auf einen Mausklick hin bewegen. Alles was wir brauchen erschließt sich im Nu mit einer Fingerbewegung, zu jeder Zeit und überall. Deshalb muss auch E-Learning ganz einfach zugänglich sein, damit es relevant und bedeutsam ist und bleibt. Aber mehr noch: In diesem Zeitalter der Mobilität sind die Erwartungen der Lernenden größer denn je. Ein Ergebnis dieser Ansprüche ist es, dass die Menschen ein sofortiges Funktionieren der Technologie als gegeben voraussetzen. Traditionelles E-Learning verrichtet die geforderten Dienste nicht auf diese Weise, weil es nicht mobilfreundlich ist. Nachdem sich derzeit bereits 30% der Lernenden unterschiedlicher Bildungseinrichtungen Trainingsinhalte auf ihren mobilen Geräten ansehen, werden nicht mobiloptimierte Lerninhalte die Lernenden auf keinen Fall zufriedenstellen.

Langatmig und weitschweifig: Möge ein Lerngegenstand auch noch so interessant sein, niemand wird sich mit ihm endlos stundenlang beschäftigen wollen. Das ist einer der Gründe, warum die so überaus erfolgreichen TED TALKS sich strikt an eine 18-Minuten-Regel halten. Ein kurzer und schlagfertiger Auftritt erwirbt und behält die Aufmerksamkeit der Leute. Aber die meisten Einheiten beim E-Learning dauern zwischen 30 und 60 Minuten! Diese Fülle an Zeit gibt dann sehr leicht Raum für Ablenkungen wie die eigene E-Mail, die Nachrichten der Social Media wie etwa Facebook oder das ganz gewöhnliche Tagträumen. Wenn man Lernmaterial entwickelt, muss es das erste Ziel sein, das Publikum so wach zu halten und so zur aktiven Beschäftigung anzuregen, dass die Ideen auch wirklich ankommen. Fragen Sie sich selbst: Kann Ihre Lerneinheit auch alles in 18 Minuten darlegen? Falls nicht, sollten Sie diese unbedingt entsprechend reduzieren!

Passiv und unbeteiligt: Selbst wenn Sie die Aufmerksamkeit Ihres Publikums behalten; ohne es aktiv einzubeziehen wird Ihnen keine dauerhafte Verhaltensänderung gelingen. Wie schon Benjamin Franklin sagte: „Erzähle es mir und ich werde es vergessen; zeige es mir und ich werde mich daran erinnern; beteilige mich und ich werde lernen.“ Das ist der Punkt an dem traditionelles E-Learning scheitert. Alles funktioniert durch Erzählen und Zeigen, aber es gibt nicht genügend aktive Beteiligung. Als Gegensatz dazu ist erfolgreiches E-Learning interaktiv. Verwandeln Sie den Monolog in einen Dialog!

Niedrige Raten der Wissensvermittlung: Das traditionelle E-Learning versagt, wenn es um die Vergessenskurve geht. Wenn wir unsere Köpfe mit Fakten vollstopfen, dann funktioniert das nur gut, wenn wir die Information eine kurze Zeit behalten müssen. Lange genug um beim familiären Trivial Pursuit zu glänzen oder auch um ein Examen zu bestehen. Aber das Kurzzeit-Lernen kann kaum das Ziel von systematischem Lernen sein. Die Lernenden heutzutage wollen ein Training im Hinblick auf dauerhafte Verhaltensänderung, welches die Leistung ankurbelt und von dem man profitiert. Traditionelles E-Learning funktioniert gut was kurzzeitige Erfolge betrifft. Jedoch vergessen wir 90% des nicht genutzten und nicht angewendeten Gelernten innerhalb eines Monats! Das traditionelle E-Learning löst dieses Problem nicht. Denn einmal beendet, ist es vorüber, aus und vergessen.

Niedrige Vollendungsraten: Was ist, wenn Ihre Lerner noch nicht einmal so weit kommen, um ein Kästchen zu Beginn des Kurses anzukreuzen? Wenn es um traditionelles E-Learning geht, dürfte das in den meisten Fällen zutreffen. Verschiedene Forschungsergebnisse (CIPD Research) ergeben, dass nur 31% der Organisationen die E-Learning einsetzen berichten, dass die Mehrheit der Beschäftigten den jeweiligen Kurs abschließt. Das bedeutet, dass sehr viele Leute die Kurse eben nicht vollenden! Langweiliges und langatmiges Design traditioneller E-Learning-Kurse behält nicht die kontinuierliche Aufmerksamkeit und das Interesse der Lernenden. Wenn die Leute das Training nicht vollenden, dann werden sie wahrscheinlich überhaupt nichts gelernt haben.

Keine richtige Evaluation: Wenn Sie nun denken, dass Ihr traditionelles  E-Lerning-Konzept wunderbar funktioniert, dann könnten Sie auf dem Holzweg sein. Ob E-Learning erfolgreich ist oder nicht, hängt von der Art der Auswertung ab. Wenn Sie ticken wie die meisten Lernmanager, dann werden Sie wahrscheinlich zu viel Zeit in die Entwicklung ihrer Kurse stecken und zu wenig in die Auswertung oder Evaluation der Lernergebnisse. Wie wir bereits festgestellt haben, könnte Ihr traditionelles E-Learning den Lernenden lang genug erfolgreich einige Schlüsselbegriffe vermittelt haben um die Bewertung zu durchlaufen und ein Feedback-Formular auszufüllen. Aber besteht Ihr Lernszenario den zeitlichen Test? Hat es ein dauerhaftes Wissensvermögen und eine Verhaltensänderung bewirken können? Falls Sie traditionelle E-Learning-Methoden angewendet haben, müssen Sie die letzten beiden Fragen wahrscheinlich verneinen.

Aus Alt wird Neu

So, nun wissen wir wie wir es nicht machen sollen. Wie also können wir E-Learning so gestalten, dass es sich an den Anforderungen des modernen Lerners orientiert? Können wir die Ursache des langweiligen Online-Lernens ausmerzen?


Mobilität

Wie wir bereits festgestellt haben, ist die Voraussetzung für ein funktionierendes E-Learning die ständige Zugänglichkeit, wann immer und wo immer die Lernenden einen Zugang haben möchten. Nachdem ein Durchschnittsmensch heute mehr als drei unterschiedliche mobile Geräte pro Tag nutzt, muss alles was um unsere Aufmerksamkeit ringt - gerade in einem Lernumfeld - mobil sein. Aber mobiles Lernen ist natürlich viel mehr als bloße Zugänglichkeit. Es hat unzählige andere Vorzüge. Die mobile Plattform öffnet die Tür zu anderen Möglichkeiten wie Microlernen, spielbasiertem Lernen und sozialen Interaktionsmöglichkeiten. Die grandiosen Möglichkeiten der Mobilität verwandeln langatmiges traditionelles E-Learning in ein packendes häppchenweises Training, das mit Flappy Bird und Facebook mithalten kann! 


Sozial

Wie schon Aristoteles bemerkte, sind wir Menschen soziale Tiere. Wir sind seit dem Zeitalter des Zeus zwar schon ganz schön vorangekommen, dennoch bleiben wir immer noch soziale Kreaturen. Mehr noch, haben wir doch entdeckt, dass soziale Interaktion gut ist für Gesundheit, Glück und Erfolg! Sie können Ihre Lerntechnologie mit der mächtigen sozialen Komponente aufpeppen, um das E-Learning mit Leben zu erfüllen und Ihren Lernenden Glücksgefühle zu vermitteln! Es ist die Anstrengung wert, denn glückliche Lernende sind produktive Lernende. Weiterhin motiviert das soziale Lernen die Lernenden nicht nur indem es sie mit in den Lernprozess einbezieht, es verstärkt auch den Lernvorgang als solchen!  Ein Weg ist hier beispielsweise  Chaträume zu nutzen, um die Konversation in einer gesunden Wettbewerbssituation anzuregen.


Personalisierung

Die Technologie gibt uns stetig wachsende Wahlmöglichkeiten darüber, wie wir uns gegenseitig austauschen und wie wir unsere Welt organisieren. Sie wird immer intelligenter, so dass die Apps uns inzwischen offensichtlich besser kennen als wir uns selber! Technologie bedeutet, dass die Welt zunehmend auf unsere individuellen Bedürfnisse und Wünsche zugeschnitten ist. Damit E-Learning also erfolgreich ist, muss es das gleiche Niveau der Personalisation anbieten! Das bedeutet, dass man den Lernenden statt einem allgemeinen, einheitlichen E-Learning-Kurs etwas anbieten sollte, was jeweils speziell auf sie zugeschnitten ist. Was sind die Ängste, Hoffnungen und Träume Ihrer Kursteilnehmer? Lernen Sie Ihr Publikum, ihre Schüler kennen, so dass Sie Ihr Training auf Ihre individuellen Ziele und die Visionen Ihrer Bildungseinrichtung hin zuschneiden können. Das bedeutet maßgeschneidertes Lernen! Gewinnen Sie die Herzen und Köpfe Ihrer Lernenden dadurch, dass Sie das Lernen individuell bedeutsam und personalisiert gestalten!


Spielerisches Lernen

Jeder liebt ein gutes Spiel! Wissen Sie wer wirklich gerne spielt? Die Millenials, also die Generation die etwa zwischen 1980 und 1990 geboren wurde. 30% von ihnen sind regelmäßige Onlinespieler, und die werden im Jahr 2025 bis zu 75% der arbeitenden Bevölkerung ausmachen. Wie kann man in diese Liebe für Spiele hineingeraten? Durch Gamification. Gamification transformiert Ihr Lernen von der Langeweile hinein in das Aufgehen im Augenblick, und zwar schneller als Sie „Super Mario Run“ sagen können! Gamification bedeutet die Anwendung von spielerischen Elementen auf nicht-spielbezogene Umgebungen. Das ist von Bedeutung, weil Übungseinheiten Spaß machen müssen um die engagierte Beteiligung zu verstärken und den Lernenden zu helfen sich an die Inhalte zu erinnern, lange nachdem die Übungen vorbei sind.


Epische Bedeutsamkeit

Das Wort „episch“ bringt uns gedanklich auf die legendären Geschichten von Beowulf, Don Juan, Thor und Romeo und Julia. Ob epische Liebesgeschichte oder packendes Abenteuer - das erzählende Element ist fest in unseren Gedanken verankert, befeuert unsere Vorstellung und berührt unsere Herzen. Wie können wir einige dieser Auswirkungen in unser E-Learning mit einbeziehen? Hier kommt die „Epische Bedeutsamkeit“ mit ins Spiel. Das ist dann der Fall, wenn wir die ganze eerzählerische Dynamik personalisieren können. Stellen Sie sich vor, Sie finden ein Buch. Sie beginnen zu lesen und werden hineingezogen in die epische Geschichte. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass diese Geschichte von Ihnen handelt! Mit jeder Seite die Sie umblättern, verknüpft sich die Geschichte immer mehr mit Ihrem Leben, mit Ihren Wünschen und Zielen. Wenn Sie erst einmal über den ersten Schock hinweggekommen sind, dann wird dieses Buch wahrscheinlich das fesselndste und bedeutsamste Ihres Lebens werden! Machen Sie die Lernenden zu den Helden Ihrer eigenen lernenden Reise! Stellen Sie sicher, dass Ihr Lernkurs in direkter Verbindung steht mit den persönlichen Zielen und Erfahrungen Ihrer Kursteilnehmer. Beziehen Sie auch den Inhalt in die größere Vision Ihrer Bildungseinrichtung mit ein um den Lernenden zu zeigen, dass Sie ein wichtiger Teil des Ganzen sind. Mit diesem Mix aus Erfolgszutaten wird Ihr E-Learning die Leute auf einer persönlichen Stufe mit einbeziehen und sicherstellen, dass Sie sich an den Lernkurs noch lange nach dessen Ende erinnern werden.


Am Ende ist es nun Zeit, eine neue epische Geschichte zu schreiben... Es war einmal eine Zeit, als wir unbeholfen  durch eine Welt von Zombie-Lernern stolperten, zur Zeit der Regentschaft des Königs des langweiligen und weitschweifigen E-Learning. Es war eine einsame und graue Gegend  der aufgetürmten Berge von Kursabbrechern und der Monster der Vergessenskurven. Aber keine Angst! Es gibt einen neuen Helden in der Stadt, der den Tag retten wird! Das moderne E-Learning wird die Lernenden zum Ruhm des Engagements führen und sie zu erfolgreicher Verhaltensänderung geleiten. Der traditionelle E-Learning-König ist tot! Lang lebe das moderne E-Learning!